Humanitäre Krisen: „Auch Deutsche unter den Opfern“

v.l.n.r.: L. Haverkamp, S. Kornelius, A. Rados, A. Reiffenstuel, B. Kofler, O. Müller und H. Haarkötter   (Foto: Nichtvergesser/Zellentin)
v.l.n.r.: L. Haverkamp, S. Kornelius, A. Rados, A. Reiffenstuel, B. Kofler, O. Müller und H. Haarkötter (Foto: Nichtvergesser/Zellentin)

Podiumsdiskussion im Auswärtigen Amt

Warum machen einige humanitäre Krisen keine Schlagzeilen? Zu dieser Fragestellung haben die Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. und die Initiative #Nichtvergesser, ein Projekt von internationalen Hilfsorganisationen, eine Veranstaltung im Auswärtigen Amt in Berlin organisiert. Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an junge Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten. Die erfahrenen Referenten kamen aus dem Journalismus, aus Hilfsorganisationen und aus der Politik. Allen Referenten gemeinsam war, dass alle berufliche Erfahrungen mit humanitären Krisen haben.

Nachrichtenunwerte Ereignisse

Zunächst gab es zwei Workshops, die in Konferenzsälen des Auswärtigen Amtes stattfanden.

„Da hatte ich die ganze Geschichte fertig – und dann wollte meine Redaktion die nicht“, berichtete Horand Knaup, der von 2008 bis 2013 Spiegel-Korrespondent in Afrika war, in seinem Workshop. Dies sei ihm öfter passiert. Als Beispiel nannte er eine Geschichte über einen amerikanischen Arzt, der es sich in Afrika zur Lebensaufgabe gemacht hatte, kriegsversehrte Menschen chirurgisch zu versorgen und regelrecht wieder zusammenzuflicken. „Das war eine ganz tolle Geschichte, sie war schon im Kasten, aber wenn kein Deutscher beteiligt ist, wird es schwierig, die Geschichte bei deutschen Redaktionen anzubringen“, sagte Knaup weiter. Dieses Phänomen wurde an diesem Tag auch von anderen Referenten benannt und liefert offenbar eine Teilantwort: Wenn keine Deutschen beteiligt sind, bleiben die Schlagzeilen in Deutschland oft aus.

Workshop mit S. Wilke und H. Knaup (Foto: Nunnendorf)
Workshop mit S. Wilke und H. Knaup (Foto: Nunnendorf)

Sabine Wilke, die die Kommunikation der privaten Hilfsorganisation Care in Deutschland leitet, berichtete ebenfalls darüber, dass es nicht immer leicht ist, Journalisten zu finden, die über humanitäre Krisen berichten. Manchmal hätten Journalisten bereits fertige Stories im Kopf und würden dann von ihr gerne einen Fall vorgelegt bekommen, der in dieses Raster passe. „Manchmal gelingt es aber doch, Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten. In einem speziellen Fall ist es uns neulich gelungen, die Redaktion zu überzeugen, über eine ganz engagierte Frau von uns zu berichten, die vor Ort ist und nicht Deutsche ist.“

Ein weiterer Workshop wurde von Oliver Hochedez (Malteser International, Leiter der Nothilfe), Miriam Kaundert (Johanniter-Auslandshilfe, ehrenamtliche Soforthelferin) und Claudia Ulferts (Plan International, Pressereferentin) geleitet. In diesem Workshop ging es schwerpunktmäßig um die Fragestellung aus Sicht der Hilfsorganisationen.

„Humanitäre Krisen kommen fast immer durch Krieg“

Im Anschluss an die Workshops fand die Podiumsdiskussion im Lesehof des Auswärtigen Amtes mit hochkarätigen Diskussionsgästen aus Medien, Politik und von Hilfsorganisationen statt.

v.l.n.r.: L. Haverkamp, A. Rados, B. Kofler, O. Müller, A. Reiffenstuel, S. Kornelius (Foto: Marlene Nunnendorf)
v.l.n.r.: L. Haverkamp, A. Rados, B. Kofler, O. Müller, A. Reiffenstuel, S. Kornelius (Foto: Marlene Nunnendorf)

Die Diskussion zeichnete sich durch teils sehr unterschiedliche Blickwinkel der Referenten aus. RTL-Korrespondentin Antonia Rados machte darauf aufmerksam, dass fast immer ein Krieg der Auslöser einer humanitären Krise ist und dass diese Tatsache viel zu wenig in der Berichterstattung benannt werde.

Lutz Haverkamp vom Berliner Tagesspiegel berichtete von der Schwierigkeit, Leser für die Themen der humanitären Krisen zu finden. Stefan Kornelius, Außenressortleiter der Süddeutschen Zeitung, machte dafür die Ursache in einem Mangel aus: „Ich glaube, dass hier auch manchmal die Empathie fehlt“. Oliver Müller, Leiter von Caritas International wiederum sah es anders: „Ganz so schwarz sehe ich es nicht. Im Gegenteil, ich sehe eine unglaublich große Hilfsbereitschaft der Menschen“.

Moderator Prof. Hektor Haarkötter stellte ganz direkt an die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung die Frage, ob nicht Politik und Menschenrechte sich regelrecht gegenseitig ausschlössen. „Nein, ganz und gar nicht. Sonst wäre ich ja nicht hier. Es läuft ja noch deutlich mehr als das, worüber berichtet wird“, antwortete die Politikerin. Auch dieser Punkt wurde von weiteren Referenten des Tages benannt. Es werden offenbar nicht allein humanitäre Krisen in der Berichterstattung ausgeblendet, sondern auch humanitäre Hilfe.

Antonia Rados und Journalismus-Studentinnen der HMKW
Antonia Rados und Journalismus-Studentinnen der HMKW

Antonia Rados, die seit Jahrzehnten immer wieder in Krisengebieten arbeitet, hatte abschließend eine schlechte und eine gute Nachricht für das Publikum: „Die Krisen werden immer schlimmer. Sie werden härter und sie werden größer. Aber ich sehe in diesem Elend auch eine positive Entwicklung, nämlich, dass die Frauen weltweit sich mehr einmischen und ein neues Selbstverständnis bekommen.“.

„Ja, es war sehr interessant, wir haben viel erfahren. Beide Workshops waren richtig gut“, befanden die teilnehmenden Studentinnen, die zum Teil extra aus Köln angereist waren. Ihre Motivation war, auch selbst später einmal als Reporterinnen ins Ausland zu reisen und sich mit humanitären Krisengebieten zu beschäftigen. Gerade die vortragenden Medienleute bildeten da interessante Rollenmodelle für die Nachwuchsjournalistinnen.

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