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2011: Top 5 -

2011: Top 5

Ärztliche Versorgung in Altenheimen mangelhaft

In Deutschland leben über 700.000 Menschen in Alten- oder Pflegeheimen. In Zukunft werden es noch mehr sein. In diesen Einrichtungen fehlt es an medizinischer Versorgung. Heimbewohner müssen deshalb unnötig oft in Kliniken überwiesen werden, wo die Pflegeleistungen lückenhaft sind (vgl. Top 1 2009). Mit Initiativen, Reformen und Gesetzen soll diesem Problem entgegengewirkt werden. Eine Verbesserung ist aber bisher nicht zu erkennen. Die Öffentlichkeit wird über die Probleme und mögliche Lösungen kaum informiert.

Sachverhalt & Richtigkeit
In vielen Alten- und Pflegeheimen ist die ärztliche Versorgung schlecht, das bestätigen Experten und Beteiligte. Die „Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen“ aus dem Jahr 2005 liefert wissenschaftliche Belege für diesen Eindruck. Die Studie ist in ihrer Art einmalig, denn sie basiert auf Stellungnahmen von 782 Heimen mit knapp 65.000 Plätzen – das waren damals zehn Prozent aller Heimbewohner. Sie zeigt vor allem einen erheblichen Mangel in der fachärztlichen Versorgung: Von Frauen-, Augen- und HNO-Ärzten werden Heimbewohner fast nie behandelt, auch die Betreuung durch Urologen und Orthopäden sei unzureichend. Neurologen und Psychiatern erreichen ein Drittel der Bewohner, auch die zahnärztliche Versorgung sei schlecht.

Die Situation habe sich bis heute nicht verbessert, bestätigen Experten. Kassenärztliche Vereinigungen und Politik versuchen mit verschiedenen Modellen, die Situation zu verbessern: Mit der „KV Initiative Pflegeheim“ etwa haben alle kassenärztlichen Vereinigungen im September 2010 „erstmals ein bundesweites Konzept für eine ganzheitliche, fachübergreifende medizinische Versorgung in Alten- und Pflegeheimen“ eingeführt. Umgesetzt wird es bislang in Bayern, dessen Kassenärztliche Vereinigung federführend war. In geriatrischen Praxisverbünden, die sich untereinander und mit den Heimen über Patienten und Zuständigkeiten absprechen, sollen Missstände kostengünstig beseitigt werden. Diese Praxisverbünde sind, zusammen mit dem Heimarztmodell, die Lösungsansätze, die derzeit am häufigsten herangezogen werden.

Das Heimarztmodell – nach dem Ärzte in der Pflegeeinrichtung angestellt sind – soll die Anzahl der Krankenhausaufenthalte erheblich reduzieren und damit auch Transportkosten einsparen, weil rund um die Uhr und auch in Notfällen eine medizinische Betreuung gewährleistet sei. Ärzte, Heimleiter und Pflegeforscher kritisieren jedoch, dass mit dem Modell die freie Arztwahl der Heimbewohner nicht mehr gewährleistet sei. Auch würde ein Heimarzt den „Krankenhaus-Charakter“ eines Heims unterstützen und die Ersparnis durch die entfallenden Transport- und Notarztkosten sei nicht so hoch, dass sich ein fest angestellter Heimarzt rein finanziell lohne. Auch Betroffenenvertreter wie Werner Schell vom „Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk“ verweisen darauf, dass die jeweiligen Hausärzte die Krankengeschichten und Bedürfnisse der Heimbewohner besser kennen.

Mangelnder Austausch und schlechte Organisation zwischen Ärzten und Heimen sind nicht die einzigen Ursachen für die schlechte Versorgungssituation. Auch die Honorierung von Heimbesuchen ist ein Grund für Ärzte, Heime zu meiden. Die KV Westfalen-Lippe beschreibt den finanziellen Gegenwert von Heimbesuchen (Stand vor dem 1. April 2011) so: Grundsätzlich bringe der Besuch in einem Alten- oder Pflegeheim in der Gebührenordnung (EBM) 1545 Punkte – umgerechnet 54 Euro. Diese Leistung falle aber in den mengenbegrenzten Vergütungsanteil – das so genannte Regelleistungsvolumen. Wird dessen Rahmen von der Arztpraxis überschritten, erhalte der Arzt nur einen angestaffelten Preis von rund einem Zehntel – also 5,40 Euro für einen Besuch. In Westfalen überschreiten hausärztliche Praxen ihr Regelleistungsvolumen in der Regel um 25 Prozent. Heimbesuche sind also sehr unattraktiv.

Um dieses Problem der unangemessenen Honorierung zu lösen, haben Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen, Heimbesuche ab dem 1. April 2011 besser zu vergüten. Beworben wurde diese Änderung damit, dass die Honorierung erstens um ein Drittel höher ausfalle und zudem außerhalb des Regelleistungsvolumens abgerechnet werde. Eine Anfrage bei der KV Nordrhein zeigt jedoch, dass kein zusätzliches Geld fließt, sondern lediglich umgeschichtet wird – es fehlt dann also an anderer Stelle. Die Neuregelung befindet sich noch in der Entwicklung, Auswirkungen werden sich also erst in ein paar Monaten zeigen. Fachleute äußerten sich bereits skeptisch.

Auch der breit diskutierte Ärztemangel auf dem Land ist in vielen Regionen eine Ursache für die schlechte ärztliche Versorgung in Heimen.

Relevanz
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Thema findet größtenteils hinter den Kulissen statt. Dabei leben über 700.000 Menschen in deutschen Alten- und Pflegeheimen – und auch deren Angehörigen, Ärzte, Heimleiter und Pflegekräfte sind auf Informationen zum Thema angewiesen, um sich eine Meinung zu bilden und einzubringen. Zukünftig wird es noch mehr Betroffene geben: 2020, so die Prognose des Statistischen Bundesamtes, wird es in Deutschland 2,8 Millionen Pflegebedürftige geben.

Gerade die aktuellen vermeintlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Situation bedürfen einer intensiven medialen Begleitung. Die Suche nach den Ursachen der miserablen Lage sowie eine fundierte Auseinandersetzung mit Lösungsansätzen sollte unter Beteiligung der Öffentlichkeit geschehen und nicht bloß innerhalb des kleinen Kreises der Zuständigen.

Vernachlässigung
Eine explizite Auseinandersetzung mit der mangelnden (fach-)ärztlichen Versorgung in Alten- und Pflegeheimen findet sich in kaum einem Medium. Es berichten – wenn überhaupt – Fachpublika für Ärzte und Pflegepersonal oder Lokalzeitungen über die Erprobung neuer Modelle. Eine differenzierte, intensive Beschäftigung mit dem Thema ist in den Massenmedien jedoch nicht zu finden.

In der aktuellen Berichterstattung über Ärztemangel auf dem Land klingt das Thema hin und wieder an – dabei wird die schlechte Versorgung in Heimen aber oft nur als Beispiel für den Landarztmangel erwähnt. Über diesen wird sowieso intensiv berichtet. Auch auf den Themenkomplex Pflege in Altenheimen gehen die Massenmedien oft und detailliert ein – die ärztliche Versorgung jedoch – obwohl Bestandteil beider Themenkomplexe – geht dabei unter.

Quellen
Johannes Hallauer, Christel Bienstein, Ursula Lehr, Hannelore Rönsch: Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen, 2005; online abrufbar unter http://www.zukunftsforum-demenz.de/pdf/SAEVIP_studie.pdf

Dr. Eckart Roloff, Medizinjournalist: Artikel, Telefonate und E-Mails von Dezember 2010 bis April 2011

Dr. Paul Jansen, Leiter des Schwerpunktes Aus- Fort- Weiterbildung des Instituts für Allgemein- und Familienmedizin an der Universität Witten/Herdecke sowie Organisator des Treffens „Hausärzte und Pflege im Dialog“, Gespräch am 13. Dezember 2010

Werner Schell, Vorsitzender von „Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk“ und Leiter eines kritischen Online-Forums zum Thema Pflege, E-Mail vom 5. Januar 2011 und Gespräch am 8. Januar 2011

Janina Bär, Stabsstelle Hausärztliche Versorgung & Strategie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (damit verantwortlich für die „KV Initiative Pflegeheim“), E-Mail-Wechsel am 28. Januar 2011

Andreas Daniel, Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Gespräch und E-Mail am 19. Januar 2011

Karin Hamacher, Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Gespräch und E-Mailwechsel am 7. Februar 2011

Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2009 – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/Sozialleistungen/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001099004,property=file.pdf

Kommentare
Werner Schell, Vorsitzender des „Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk“:
„Meine Bemühungen, die Medien für konstruktive Berichte zur Pflege zu gewinnen, sind weitgehend fehlgeschlagen, weil Pflege ohne Skandal nicht interessant genug ist. Ich habe dieserhalb wiederholt Redaktionen angeschrieben und konkrete Fehlentwicklungen aufgezeigt. Bei einem Gespräch mit einem Chefredakteur einer großen Zeitung erfuhr ich, dass man durch Kundenbefragungen herausgefunden hat, über Pflege nicht unbedingt berichten zu müssen. Die LeserInnen seien daran nur eingeschränkt interessiert. Im Übrigen werden in Talkshow gerne immer wieder dieselben sogenannte Experten geladen, deren Gelaber man aber fast nicht mehr hören kann.“

Dr. Eckart Roloff, Medizinjournalist:
„Dort, wo die meisten Kranken sind, sind normalerweise auch die meisten Ärzte. Selbst auf Kreuzfahrtschiffen mit mehr als 12 Passagieren ist ein Arzt Vorschrift. Nur nicht in Alten- und Pflegeheimen. Die ärztliche Versorgung in Pflegeheimen ist ein wirklich wichtiges und vernachlässigtes Thema“