Laudatio von Birgit Wentzien zum Günter-Wallraff-Preis 2019

Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks. Copyright: Deutschlandfunk/David Ertl.
Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks. Copyright: Deutschlandfunk/David Ertl.

Laudatio von Birgit Wentzien, Deutschlandfunk-Chefredakteurin zur Preisverleihung des Günter-Wallraff-Preis 2019 an das European Journalism Observatory und an den saudischen Blogger und Menschenrechtler Raif Badawi. Der Preis wurde am 14.Juni 2019 im Rahmen des 5. Kölner Forums für Journalismuskritik im Deutschlandfunk in Köln verliehen. Das Preisgeld in Höhe von 10.000,- Euro wurde in diesem Jahr von der Mediengruppe RTL, der Rewe Group, dem 1. FC Köln und Günter Wallraff selbst gestiftet und wird zwischen den Preisträgern aufgeteilt.

Liebe Ensaf Haidar, lieber Günter Wallraff,
… „1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke“, heißt das Buch von Raif
Badawi, dass er Ihnen, Frau Haidar, per Telefon aus dem Gefängnis diktierte. Raif
Badawis Anwalt Waleed Abu al-Khair ist in Haft, Raif Badawis Schwester Samar ist in
Haft – sie alle haben nichts weiter getan, als das Recht auf freie Meinungsäusserung
für sich in Anspruch zu nehmen. Das ist ihr Vergehen. Sie sind hier, wir hier sind an
ihrer Seite.
Und ich darf Ihnen den zweiten Preisträger dieses Jahres vorstellen. Es sind in
Wirklichkeit viele. Es ist das Europäische Journalismus-Observatorium EJO, es ist
der Gründer dieses Observatoriums und langjährige Chef, Stephan Russ-Mohl, es sind
alle Autorinnen und Autoren und es ist stellvertretend für Alle diese Vielen Susanne
Fengler, Professorin für Internationalen Journalismus am Institut für Journalistik der
Technischen Universität Dortmund und wissenschaftliche Leiterin des Erich-Brost-
Instituts für internationalen Journalismus.
Jetzt die Aufklärung!? Was ist das EJO? Ein im besten Sinn europäischer
Beobachtungsposten, der zusammendenkt, was zusammengehört. Im
Beobachtungsposten und auf einer eigenen Plattform im Netz unterwegs sind
inzwischen Journalisten, Wissenschaftler und Institutionen aus 14 Ländern über
Landes- und Sprachgrenzen hinweg, unterwegs in einer einmaligen Allianz gegen
Desinformation und miteinander, auch um so etwas wie ein gemeinsames
Grundverständnis von journalistischer Professionalität zu finden und um
unterschiedliche nationale Journalismus-Kulturen auszutauschen.
EJO ist Nachrichten-Aufklärung vom Besten – konstruktiv, mutig, wehrhaft – auch
gegen die vielen politischen Schlichtheitsgiganten, die überall auf dem Kontinent
Wahrheitssuche verhindern wollen und zu verhindern suchen und zum Teil auch
schon verhindert haben.
Was mir besonders imponiert, das ist Ihre Aufforderung: Geht mit Schwächen stark
um! Übt Medienselbstkontrolle, lasst die User in die journalistische Werkstatt blicken,
lasst sie teilhaben an redaktionellen Prozessen. Das ist Transparenz nicht als
Tugend-Terror, sondern Transparenz als professionelle Selbstverständlichkeit.
Transparenz für Vertrauen in Journalismus, auch um dieses Vertrauen zu bewahren
oder zurückzugewinnen. Die Zeiten sind danach – in allen Medienhäusern.

Ich gratuliere Ihnen, liebe Frau Professor Fengler und allen Beteiligten dieses
bemerkenswerten Projekts. DANKE für Ihre Pionierarbeit auch im Sinn einer
europäischen Öffentlichkeit. Wir Journalisten und Sie als Wissenschaftler sind ja
weiterhin auf durchaus unterschiedlichen Umlaufbahnen unterwegs. Gut so! Keine
Frage! Aber wenn sich unsere Bahnen kreuzen, sind wir zusammen stark –
Themenbezogen, über Landes- und Sprachgrenzen hinweg!
Zur Wahrheit gehören die Spender des Preisgeldes: Mediengruppe RTL, Rewe
Group, 1. FC Köln und Günter Wallraff.
Und weil das ja mächtige Worte sind – hier oben und heute und morgen weiter:
WAHRHEIT und WARE –
Kurt Tucholsky: „Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht! Ich glaube keinem, der
sie gefunden hat!“

 

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