Laudatio von Günter Wallraff für Raif Badawi

Günter Wallraff. Copyright: Deutschlandfunk/David Ertl.
Günter Wallraff. Copyright: Deutschlandfunk/David Ertl.

Die Laudatio von Günter Wallraff zur Preisverleihung des Günter-Wallraff-Preis 2019 an den inhaftierten saudischen Blogger und Menschenrechtler Raif Badawi und das European Journalism Observatory. Der Preis wurde am 14. Juni 2019 im Rahmen des 5. Kölner Forums für Journalismuskritik im Deutschlandfunk in Köln verliehen. Das Preisgeld in Höhe von 10.000,- Euro wurde in diesem Jahr von der Mediengruppe RTL, der Rewe Group, dem 1. FC Köln und Günter Wallraff selbst gestiftet und wird zwischen den Preisträgern aufgeteilt.

 

Raif Badawi – Visionär in Ketten

Ich fühle mich geehrt, Raif Badawi diesen Preis für kritischen Journalismus übergeben zu dürfen. Nicht ihm persönlich – leider – denn er sitzt, wie wir alle wissen, seit über sieben Jahren wegen sogenannter „Beleidigung des Islam“ in saudi-arabischer Haft, sondern seiner so mutigen Mitstreiterin und Ehefrau Ensaf Haidar.

Es geht nicht allein um eine Auszeichnung für diesen bewundernswerten Menschenrechtler, der bereits vom Europäischen Parlament und anderen Institutionen geehrt wurde. Es geht auch um ein dringend notwendiges Zeichen gegen das Verschweigen, das Vergessen und das Vernichten. Denn um Raif Badawi es ist zu leise geworden. Wird es noch leiser, werden die Herrscher der saudischen Diktatur ihn umbringen: durch 1000 Peitschenhiebe oder durch Kerker und Isolationshaft, zu der sie ihn verurteilt haben.

Die ersten 50 Peitschenhiebe hat Raif Badawi in einer öffentlichen Folterveranstaltung, die das Regime so liebt, um die einen Untertanen bei Laune zu halten und die anderen in Angst und Schrecken zu versetzen, überlebt.

Am 9. Januar 2015 wurde Raif Badawi auf dem Platz vor einer Moschee in seiner Heimatstadt Dschidda öffentlich mit 50 Peitschenhieben misshandelt. Die ringsum versammelte Menschenmenge jubelte und schrie immerzu „Allahu akbar“, „Gott ist groß“. Jede Woche sollten weitere 50 Schläge folgen – ein Foltertod auf Raten. Damals ging ein Aufschrei der Empörung um die Welt, denn dieser barbarische Akt wurde heimlich gefilmt und somit auch im Ausland bekannt. Badawi war durch die Peitschenhiebe so schwer verletzt, dass eine Fortsetzung der Strafe ihn unter Umständen das Leben gekostet hätte. Bislang hat wohl nur die öffentliche Entrüstung verhindert, dass Badawi weitere Schläge erleiden musste.

Raif Badawi ist Säkularist, er kritisiert die Anmaßungen religiöser Menschenjäger und Zensurpolizisten, die Auspeitschungen, Steinigungen und sogar Hinrichtungen öffentlich zelebrieren. In Saudi-Arabien wurden in diesem Jahr allein bis Mitte April bereits 104 Menschen hingerichtet und dieses sind nur die offiziell dokumentierten Fälle. Die Dunkelziffer ist wohl weitaus größer. In einer regelrechten Hinrichtungswelle wurden im April 37 Todesstrafen vollstreckt. Laut Journalisten-Berichten wurde einer der Verurteilten gekreuzigt und seine Leiche öffentlich auf einem Pfahl zur Schau gestellt. Alle anderen 36 Personen wurden enthauptet. Zu den Verurteilten zählte auch ein junger Mann, der zum Zeitpunkt der Proteste erst 16 Jahre alt war.

Raif Badawi ist mehr als ein Verfechter von Meinungs- und Religionsfreiheit. Er stellt in seinen Texten die Wurzeln der Doppelherrschaft aus saudischem Königshaus und wahabitischem Klerus bloß. Er hat uns durch seine öffentlichen Kommentare klar gemacht, dass die Rechtlosigkeit in Saudi-Arabien und auch in anderen islamischen Regimen ganz wesentlich auf der Unterdrückung der Frauen basiert. Bekanntlich sind Frauen in Saudi-Arabien noch immer nahezu vollständig entmündigt. Sie benötigen für viele einfachste Handlungen, etwa die Aufnahme eines Studiums, einen medizinischen Eingriff oder eine Reise ins Ausland die Zustimmung ihres „Vormunds“, entweder ihres Vaters, Ehemanns, Bruders oder sogar ihres ältesten Sohnes. Erst vor wenigen Tagen hatte die ARD in der Sendung „Fakt“ darüber berichtet.

Aus dem Buch seiner Frau Ensaf Haidar wissen wir, wie sehr Raif Badawi schon als Kind unter dieser repressiven Erziehung gelitten hat und wie mühsam es für ihn als Erwachsener war, sich aus der ihm zugewiesenen Rolle als männlicher Unterdrücker zu lösen. Er hat es geschafft, nicht zuletzt mit Hilfe seiner Frau.

Raif Badawi wuchs bei einem brutalen Vater auf, der von seinen Kindern absolute Unterwerfung verlangte. Jede eigenständige Regung prügelte er seinem Sohn aus dem Leib und ließ ihn mit 13 Jahren sogar wegen Ungehorsams in ein Kindergefängnis stecken. Dort wurde Raif Badawi sechs Monate lang geschlagen und misshandelt – wie alle anderen Kinder auch, die mit ihm dort gefangen gehalten wurden. Nach saudischem Recht eine bewährte Erziehungsmethode für Kinder, die sich zu eigenständig entwickeln.

Als Jugendliche verlieben sich Ensaf Haidar und Raif Badawi in einander. Ihre Liebe musste geheim bleiben, erst zwei Jahre später gelang es ihr, die Heiratszustimmung ihrer Familie zu erlangen. Raif Badawi holte sich die Erlaubnis von einem Onkel, einen Vater habe er nicht, der sei bereits gestorben, behauptete er.

2005, im Alter von 21 Jahren, gründete Badawi das „Netzwerk saudischer Liberaler“ und begann sich mit anderen in seinem Blog über die unterdrückerischen Strukturen seiner Gesellschaft auszutauschen.

Auch Ensaf Haidar diskutiert auf seinem Blog mit. Raif Badawi ist stolz, diese Frau an seiner Seite zu haben und dass sie gemeinsam für eine offenere Gesellschaft in Saudi-Arabien streiten. Es sind die Zeiten, in denen sich der arabische Frühling andeutet, der Blog von Badawi gewinnt viele Mitstreiter. Sogar Zeitungen drucken einige seiner Beiträge ab. Nach wie vor ist eines seiner zentralen Themen die Unterdrückung der Frauen. So gerät er in den Fokus der „Religionspolizei“, einer militanten Eingreiftruppe unter religiöser Führung, die den Alltag in Saudi-Arabien nach totalitärer staatlicher Islam-Doktrin im Sinne der Wortwörtlichkeitsübernahme des Koran bestimmt.

Die Religionspolizei, ein Staat im Staate, schießt sich immer mehr auf Badawi ein: 2007 erfolgt eine erste Hausdurchsuchung, wenig später wird Badawi ins Polizeipräsidium verschleppt und gefoltert. Er weigert sich trotz allem, seinen Blog abzuschalten. Der Druck auf ihn und die Familie wird stetig erhöht. Nach vier Jahren des Durchhaltens mit zahllosen Debatten und Beiträgen nimmt Badawi 2009 auf Anraten seiner Frau den Blog vom Netz, um der Familie eine Atempause zu verschaffen.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist Raif Badawi längst der Überzeugung, die freie Rede sei mehr wert und wichtiger als die eigene Freiheit und Unversehrtheit. Bereits ein Jahr später, 2010, gründet er das nächste Forum, das „Saudische liberale Netzwerk“, diesmal zusammen mit seiner Frau und der bekannten Menschenrechtlerin Souad al Shamari. Binnen Kurzem verzeichnet die Seite mehrere tausend Anmeldungen. Nicht nur Badawis Beiträge, auch die von Ensaf Haidar werden von der Presse nachgedruckt. Badawi wird in den kommenden zwei Jahren zu einem der bekanntesten Menschenrechtler des Landes.

Er schreibt: „Schau dir doch einmal die ganzen Staaten an, die sich aus einer Religionsvorstellung heraus legitimieren. Schau dir ihre Völker an und was innerhalb von wenigen Generationen aus ihnen wird. Was haben solche Staaten denn zu bieten in Sachen Zivilisation? … Nichts, nur Gottesfurcht, Lebensunfähigkeit und noch einmal nichts. Solches Gedankengut hat vielerorts Generationen von Menschen geformt – und tut es nach wie vor: zu Personen, die zu keiner Kreativität und Kultur mehr fähig sind. […] Die Hauptmission einer jeden Theokratie ist es, jegliche Vernunft zu töten, den historischen Materialismus und den gesunden Menschenverstand rigoros zu bekämpfen und die Massen, so gut es geht, in die absolute Verdummung zu treiben.“

Abermals schlägt das Regime zurück. 2012 wird ein Ausreiseverbot über Raif Badawi verhängt, sein Konto wird eingefroren, er verliert seinen legalen Status und wird somit zu einer Person ohne Rechte. Er kann nun beispielsweise nicht einmal mehr seine Kinder an der Schule anmelden. Sogar sein eigener Vater hetzt im Staatsfernsehen öffentlich gegen ihn. In der Folgezeit wird Badawis Internetseite immer wieder gehackt, er selbst wird mit dem Tode bedroht. Ein mächtiger Imam verhängt eine Fatwa gegen ihn, die von 150 einflussreichen Klerikern mitgetragen wird. Eines Abends entgeht Badawi nur knapp einer tödlichen Messerattacke auf offener Straße. Auch Ensaf Haidar und die Kinder werden bedroht. Der arabische Frühling ist zu jener Zeit auf seinem Höhepunkt, die autoritären Eliten wanken und schlagen mit aller Macht zurück.

Ensaf Haidar verlässt auf Drängen ihres Mannes mit ihren drei Kindern im Alter zwischen drei und neun Jahren – Najwa, Terad und Miriyam – das Land. Raif Badawi, dessen Pass noch immer eingezogen ist, weigert sich, illegal das Land zu verlassen und sich so heimlich der Verantwortung zu entziehen. Wenig später wird er erneut verhaftet. In mehreren Verfahren wurde er zunächst durch ein „Rechtsgutachten“ zu einem „Ungläubigen“ erklärt, weil er es gewagt habe, Muslime, Christen, Juden und Nichtgläubige als gleichwertig zu bezeichnen. Raif Badawi wurde „wegen Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Sein Anwalt wurde wegen der Verteidigung Badawis ebenfalls inhaftiert und zu 15 Jahren Haft und Geldstrafe verurteilt, schließlich wird im August 2018 auch seine Schwester Samar ins Gefängnis geworfen: Sippenhaft.

Als Raif Badawis Vater versucht, seine Enkelkinder zwangsweise nach Saudi-Arabien zurückzuholen – auch das wäre nach der dortigen Gesetzeslage völlig legal gewesen – flieht Ensaf Haidas aus dem Libanon mit ihren Kindern nach Kanada und erhält dort politisches Asyl. Von hier aus organisiert sie regelmäßig Kampagnen zur Freilassung ihres Mannes.

Sollte Raif Badawi nicht vorzeitig begnadigt werden, wird er seine Familie 20 Jahre nicht sehen können, da nach der Haft noch einmal zusätzlich 10 Jahre Reiseverbot verhängt

wurden. Da momentan keine Anzeichen einer Begnadigung erkennbar sind, ist es wichtig, den internationalen Druck auf Saudi-Arabien ganz wesentlich zu erhöhen.

Doch was sind Badawis angebliche Verbrechen?

Er hat für sich persönlich mit den Vorschriften des Regimes gebrochen. Er hat dafür gestritten, dass die Rechte der Frauen und Kinder in Saudi-Arabien anerkannt werden. Schließlich hat er sich für das Recht auf freie Meinung und Religionsausübung eingesetzt. Die individuellen Bürgerrechte der Französischen Revolution und die Werte der Aufklärung sind ihm dabei Vorbild.

Das Regime kann ihm nicht einmal vorwerfen, er sei ein unkritischer Apologet des Westens. Raif Badawi will seinem Land nicht das sogenannte westliche Modell überstülpen. Als 28-jähriger junger Mann besitzt er bereits ein Maß an politischer und philosophischer Klugheit, das ihn differenzieren lässt. Er weiß sehr wohl, dass dem Westen bis heute Waffen-, Öllieferungen und Geopolitik über Menschenrechte gehen und dass er das Schicksal von Inhaftierten, Gefolterten und Drangsalierten in Saudi-Arabien schamlos den eigenen Profitinteressen opfert.

Er schreibt deshalb in einem seiner letzten Blogeinträge: „Durch das Klima kultureller Dominanz und die Natur der neuen wirtschaftlichen Orientierung bedroht dieses sogenannte westliche Modell die Zukunft der Moderne und der Demokratie. … Dieses Modell, das auf der Doktrin von Macht und Überlegenheit basiert, ist abhängig vom Dienst der armen Völker, die es für seine Auslandsschulden und das Erbe der kolonialen Teilung braucht. […] Es hat sogar begonnen, den Wohlstand innerhalb der westlichen Gesellschaften selbst zu bedrohen. Es bedroht die Einheit der menschlichen Spezies und vielleicht sogar ihr Fortbestehen, und das zu einer Zeit, wo es keinen Platz für eine neue Arche Noah gibt.“

Hier spricht zu uns ein Visionär, dessen Bedeutung weit über die Kritik am saudischen Gottesstaat hinausreicht. So wie Raif Badawi unsere Unterstützung und Solidarität benötigt, so sehr brauchen wir seine Stimme!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*