2016: Top 3

K.O.-Tropfen: Lieferung frei Haus und ganz legal 

Sogenannte K.O.-Tropfen können kinderleicht und ganz legal auch in erheblichen Mengen übers Internet per Post bestellt werden. K.O.-Tropfen sind auch als „Liquid Ecstasy“ bekannt, gelten als Vergewaltigungsdroge und werden meist in Diskotheken, auf Partys oder in Bars in offene Getränke gemischt. Die Opfer werden so betäubt und anschließend ausgeraubt oder vergewaltigt. Deutsche Medien berichten zwar immer wieder reißerisch über den Einsatz von K.O.-Tropfen, dass sie aber völlig legal in Deutschland erhältlich sind, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Rechercheure der INA haben den Test gemacht und die Lieferung dokumentiert.

Sachverhalt & Richtigkeit:

In den 1990er-Jahren wurde der Handel mit dem Arzneimittel Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) stark eingeschränkt. Akteure am Drogen-Schwarzmarkt haben schnell entdeckt, dass sich diese Chemikalie relativ einfach aus dem Lösungsmittel Gamma-Butyrolacton (GBL) synthetisieren lässt. Bei der Substanz GBL handelt es sich um eine Vorläufersubstanz von GHB, die auch als „Liquid Ecstasy“ bezeichnet wird. Diese Substanz ist in der Regel gemeint, wenn von K.O.-Tropfen die Rede ist. Die unbehandelte Flüssigkeit GBL wandelt sich im Körper von selbst zu Liquid Ecstasy (GHB) um und zeigt die gleiche Wirkung. Die beiden Substanzen sind auch als Vergewaltigungsdrogen bekannt. Niedrig dosiert wirken sie enthemmend und leicht betäubend, größere Mengen können bis zur Bewusstlosigkeit oder Atemlähmung führen. GBL ist nicht leicht zu erkennen, da es farblos ist und schwach lösungsmittelartig riecht. Der Geschmack ist leicht salzig und seifig, wird aber oft vom Eigengeschmack der Getränke überdeckt, in die es zugegeben wird. Bei häufigem Gebrauch ist mit Verätzungen in der Speiseröhre und anderen gesundheitlichen Problemen zu rechnen. GBL ist eine Industriechemikalie, die in sehr großen Mengen hergestellt, gehandelt und industriell verarbeitet wird. Die Substanz untersteht als Massenchemikalie nicht wie GHB dem Betäubungsmittelgesetz, sondern unterliegt dem freiwilligen europäischen Monitoring-System. Im Rahmen der Grundstoffüberwachung wird es von Bundeskriminalamt und Zollkriminalamt durchgeführt. „Die Substanz ist in vielen Produkten, wie Nagellackentferner oder Felgenreiniger enthalten. Daher gibt es vielfältige und unproblematische Bezugsmöglichkeiten hinsichtlich GBL-haltiger Produkte oder gar der reinen Substanz. Weitere in Betracht kommende Substanzen sind zum Teil verschreibungspflichtige Arzneimittel, die wegen ihrer beruhigenden, schlafanstoßenden und muskelentspannenden Wirkung verordnet werden und teilweise zugleich den strengen Regeln des Betäubungsmittelrechts unterliegen. Ein missbräuchlicher Bezug oder Einsatz kann dadurch allerdings nur erschwert, aber nicht unterbunden werden“, erklärt Susanne Wackers, aus dem Bundesministerium für Gesundheit.

Die Internetseite http://www.gbl.com hat wegen der hohen Gefahr des Missbrauchs der Produkte ein Monitoring-System. Damit will das Unternehmen sicherstellen, dass die Kunden auf die berauschende und gesundheitsschädliche Wirkung und die damit verbundene Missbrauchsgefahr bei der oralen Einnahme von Gamma-Butyrolacton hingewiesen werden. Bei jeder Bestellung muss der Kunde eine Endvertriebserklärung unterschreiben und per E-Mail an die Firma schicken. Darüber hinaus muss der Kunde belegen, dass er mindestens 21 Jahre alt ist. Dazu wird eine Kopie des Personalausweises, Führerscheins oder Reisepasses verlangt. Wenn die Firma nicht feststellen kann, wie alt der Kunde ist oder wenn sie berechtigte Zweifel haben, ob GBL für den persönlichen Konsum verwendet wird, wird die Bestellung nicht bearbeitet. Da GBL nur zu industriellen Zwecken legal ist, gibt es bei der Bestellung ein Feld, in das die Firma, für die der Kunde arbeitet, und die Firmen ID eintragen werden kann. Es wird aber darauf hingewiesen, dass es nicht notwendig ist, diese Felder auszufüllen. Somit ist dieses Monitoring-System keine wirkliche Hürde für Menschen, die GBL kaufen wollen, um es zu konsumieren.

Über die Seite http://www.gblshop.com konnte die INA ohne Angabe und Überprüfung des Alters, sowie ohne unterzeichnete Endvertriebserklärung, legal GBL aus den Niederlanden bestellen. 0,5 Liter reines GBL konnte für 49,95 Euro (+13.00 Euro Versand nach Deutschland) ziemlich preiswert erworben werden. Der GBL-Shop wirbt auf der Internetseite sogar mit dem einfachen und unkomplizierten Kauf von GBL. Dort heißt es: „Du musst nur die Lieferadresse ausfüllen und wir werden dir das Produkt sofort zusenden! Es ist sehr einfach. 1. Gib deine Bestellung auf. 2. Mach ein Häkchen beim Erklärungsformular. 3. Warte bis das Produkt ankommt!” So steht es in englischer Sprache auf der Internetseite geschrieben. Es ist sehr einfach, GBL zu bestellen und somit auch diese Substanz als K.O.-Tropfen zu missbrauchen. “Diese Problematik dürfte allen Fachpersonen schon seit langem bekannt sein“, sagt Martin Jübner, forensischer Toxikologe des Universitätsklinikums Köln. „Naturgemäß ist die Dunkelziffer bei Fällen mit dem Verdacht auf K.O.-Mittelverabreichung sehr hoch. Zudem zeichnet sich GHB zeitlich gesehen durch ein sehr kurzes analytisches Nachweisfenster aus. Die Substanzen lassen sich nur 6 Stunden im Blut und 12 Stunden im Urin nachweisen lassen. Daher kann auch in begründeten Verdachtsfällen nur äußerst selten eine entsprechende Verabreichung nachgewiesen werden“, erklärt er weiter.

2014 hat der Bericht zur Rauschgiftkriminalität des Bundeskriminalamts zwölf Todesfälle registriert, die im Zusammenhang mit dem Konsum von GHB und GBL standen. Das ist ein leichter Anstieg der Drogentoten zu den Jahren davor. Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 16 illegale Rauschgiftlabore zur Herstellung synthetischer Drogen sichergestellt. Im Jahr 2013 waren es noch 20 Labore. Das hat das Bundeskriminalamt in einem Bericht bekanntgegeben. Es handelte sich um zehn Produktionsstätten. In einem wurde auch GHB hergestellt. Die sichergestellten Labore verfügten fast ausschließlich über geringe Kapazitäten zur Deckung des Eigenbedarfs oder zur Versorgung eines lokal begrenzten Abnehmerkreises. Durch die Grenzstoffüberwachungsstelle des Bundes- und Zollkriminalamts wurde im Jahr 2014 die Auslieferung von 251 Liter GBL verhindert. Die damit herstellbare Rauschgiftmenge liegt bei 376 kg GHB. Die Laborsicherstellungen im Jahr 2014 erfolgten hauptsächlich im Zuge von Ermittlungsverfahren, oder es waren Zufallsfunde. Nur in einem Fall konnte ein Labor aufgrund von Meldungen im Rahmen grundstoffrechtlicher Bestimmungen bzw. Hinweisen im sogenannten Monitoring-System aufgedeckt werden. Durch diese Erkenntnisse ist es fraglich, wie viel das Monitoring-System zur Überprüfung der Käufer wirklich bringt.

Relevanz:

Laut Dunkelfeldforschung geschehen in Deutschland etwa 160.000 Vergewaltigungen pro Jahr. Das sind mehr als 438 Vergewaltigungen pro Tag. Dem gegenüber stehen etwa 1.000 Verurteilungen jährlich, weil die Geschädigten sich im Falle einer K.O-Mittelverabreichung an nichts mehr erinnern können und es nur ein sehr schmales Zeitfenster gibt, um die Substanzen im Körper nachzuweisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann für eine Vergewaltigung bestraft wird, ist somit geringer als ein Prozent. Es ist sehr einfach, Zutaten für K.O.-Tropfen legal im Internet zu bestellen, da die am häufigsten verwendete Substanz GBL nicht dem Betäubungsmittelgesetz untersteht. Es wird nicht nur für Vergewaltigungen, sondern auch für Diebstähle vergewendet. Auch wenn GBL nur zu industriellen Zwecken verwendet werden darf, gibt es im Internet zahlreiche Möglichkeiten, diese für den privaten Gebrauch zu kaufen. Das freiwillige Monitoring-System ist keine wirkliche Hürde, erst recht nicht für Menschen mit krimineller Energie.

 Vernachlässigung:

Über das Thema „GBL als Zutat für K.O.-Mittelverabreichung veröffentlichte die britische Tageszeitung „Daily Mirror“ zwei Artikel – einen am dritten Mai 2009 mit dem Titel „Man who delivers killer GBL for £35” und einen am 25. August 2009 unter dem Titel “Legal dance drug GBL to be banned”. In den Artikeln geht es um Jugendliche, die an der Droge GBL gestorben sind und es wird die Frage aufgeworfen, warum diese Substanz als Droge immernoch frei erhältlich ist.

Am siebten Dezember 2015 erschien in www.inFranken.de der Artikel „Wie gefährlich ist die Droge GBL? “ Es geht darin um einen bevorstehenden Mordprozess gegen einen 24-Jährigen vor dem Landgericht Bamberg. Der Mann hatte die Droge GBL zu einer Party mitgebracht. Ein 27-Jähriger war nach dem Konsum gestorben.

Die Hohenzollerische Zeitung und der Reutlinger Generalanzeiger haben am elften und zwölften Januar 2016 über „K.O.-Tropfen im Drink“ berichtet und Verhaltenstipps für den Besuch von Partys gegeben. Am 13. Januar 2016 schrieb der „Express“: „Warnung vor K.O.-Tropfen im Karneval“. Aufgrund der Vorkommnisse in der Silvesternacht, macht die Zeitung auf das Projekt „Party-Sicherheit für junge Frauen“ aufmerksam, das 2008 ins Leben gerufen wurde.

Über das Thema wird in den Medien berichtet, sobald es Fälle gibt, bei denen die Vergewaltigungsdroge nachgewiesen werden konnte. Doch über die leichte Beschaffung und Forderung nach einer strengeren Kontrolle, bzw. Aufnahme ins Betäubungsmittelgesetz, wird nicht berichtet. Daher ist das Thema, auch wenn es allen bekannt sein dürfte, vernachlässigt worden.

________________________________________________________

Quellen:

Email-Verkehr und Telefonat mit Martin Jübner, Forensischer Toxikologe, Institut für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Köln

Email-Verkehr mit Susanne Wackers, Pressestelle im Bundesministerium für Gesundheit

Dokumente (Rauschgiftjahreszulagen und Bundeslagebilder) des Bundeskriminalamts und Zollkriminalamts

Onlinerecherchen auf:

https://kotropfeninfo.wordpress.com

http://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/aktuelles/archiv/1640-erfolg-bundesjustizministerium-will-vergewaltigungsparagraf-177-stgb-verschaerfen

http://www.lisa-freundeskreis.de/magazin/ratgeber/ich-wachte-auf-und-wusste-etwas-furchtbares-ist-passiert

https://www.gbl.com/de/

http://droehnung.blogspot.de/2012/01/gbl-kaufen.html

http://www.gblshop.com/

Erfahrungsberichte aus dem Drogenforum: http://land-der-träume.de

Kommentar:

„GBL untersteht als Massenchemikalie nicht dem Betäubungsmittelgesetz, sondern unterliegt dem freiwilligen europäischen Monitoring-System im Rahmen der Grundstoffüberwachung […]“ – Susanne Wackers, Pressestelle des Bundesministeriums für Gesundheit