
(Bild: Pixels)
Die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. präsentiert jährlich zehn Nachrichten oder Themen, die in der medialen Berichterstattung zu kurz gekommen sind. Es handelt sich um Sachverhalte, die für die deutsche Öffentlichkeit relevant sind, über die aber bislang in Presse, Funk, Fernsehen und Internet kaum Debatten geführt werden. Hier können Sie einen eigenen Themen-Vorschlag einreichen.
Top-Thema 01: Viel besser als ihr Ruf: Afrikanische Länder mit hohem Entwicklungsstand
Der Human Development Index (HDI) ist zur Messung des Entwicklungsstandes eines Landes deutlich besser geeignet als das Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukt (BSP, BIP), da der HDI neben wirtschaftlichen Indikatoren auch den Gesundheits- und Bildungsstand der Bevölkerung einbezieht. Hier erreichen die afrikanischen Inselstaaten Seychellen und Mauritius einen Wert über dem weltweiten Durchschnitt, weitere afrikanische Länder liegen nicht weit zurück. Die mediale Berichterstattung zeichnet ein einseitiges Bild Afrikas als überwiegend arm und unterentwickelt.
Top-Thema 02: Vergiftet: Mikroplastik in Ackerböden
Mikroplastik gelangt in Ackerböden über Klärschlamm, Kompost, unsachgemäße Entsorgung von Müll sowie Langzeitdünger. Diese Belastung der Böden beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion, den Wasserhaushalt und die Aktivität von Bodenorganismen und gefährdet langfristig auch die menschliche Nahrungskette. Trotz dieser Tragweite wird das Thema in der medialen Öffentlichkeit nur begrenzt behandelt, was auf den frühen Stand der Forschung und die unbefriedigende Datenlage zurückzuführen ist.
Top-Thema 03: Im bürokratischen Niemandsland: Staatenlose scheitern an deutschen Behörden
In Deutschland lebten 2022 ca. 97.000 Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit – Tendenz steigend. Viele dieser Staatenlosen arbeiten und zahlen Steuern, bleiben juristisch jedoch schlechter gestellt und warten oft jahrelang auf die Klärung ihres Status. Die Gründe: Fehlende oder uneinheitliche Richtlinien und überlastete Behörden. Die Betroffenen sind nicht nur starker Unsicherheit ausgesetzt, sondern auch vom gesellschaftlichen und politischen Leben weitgehend ausgeschlossen. Über die Ursachen, Zustände und Folgen wird in den Medien zu wenig berichtet.
Top-Thema 04: Ein profitables Geschäft: Deutsche Unternehmen unterlaufen Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderung
Statt der Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderung nachzukommen, zahlen viele deutsche Unternehmen lieber eine Ausgleichsabgabe. Das erschwert die Integration der Betroffenen in den Arbeitsmarkt, ist für die Arbeitgeber aber lukrativ: Denn die Ausgleichsabgabe lässt sich mit dem Kauf von Waren oder Dienstleistungen von Behindertenwerkstätten senken. Weil die Beschäftigten oft unter Mindestlohn arbeiten, sind viele Waren besonders günstig. So profitieren Unternehmen doppelt, während Exklusion und prekäre Arbeitsverhältnisse zementiert werden.
Top-Thema 05: Nicht barrierefrei: Politische Information bleibt Menschen mit Behinderung verschlossen
Bürgerinnen und Bürger mit Beeinträchtigung haben ein überdurchschnittlich hohes politisches Interesse. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben zum barrierefreien Zugang politischer Information bleibt ihnen das Grundrecht auf demokratische Teilhabe aber verwehrt. Keine der 322 von der Überwachungsstelle für Barrierefreiheit der Informationstechnik (BFIT-Bund) geprüften Websites öffentlicher Stellen entspricht den rechtlichen Anforderungen. Während Fachportale regelmäßig darüber berichten, findet der strukturelle Mangel in den Leitmedien bisher wenig Beachtung.
Top-Thema 06: Law Clinics: Juristisches Beratungsangebot unterstützt Benachteiligte
Law Clinics eröffnen gesellschaftlich benachteiligten Gruppen den Zugang zum Recht und schulen zugleich die praktischen Fähigkeiten von angehenden Juristinnen und Juristen. Die kostenfreie Beratung ist für viele Ratsuchende der einzige Zugang zu seriöser Rechtsberatung. Die Law Clinics bleiben aber vielfach unter dem Radar der Redaktionen – was dazu beiträgt, dass viele Betroffene die Möglichkeit nicht nutzen können.
Top-Thema 07: Kinderarbeit: Auf Tabakplantagen ausgebeutet
Millionen Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen für die Tabakindustrie. Diese Form der Kinderarbeit wird als ausbeuterische Kinderarbeit bezeichnet: Die Kinder werden mental, körperlich, sozial und moralisch massiv geschädigt. Der stundenlange Kontakt mit den Tabakpflanzen führt zur direkten Aufnahme des Nikotins über die Haut, was zu der sogenannten Green Tobacco Sickness (GTS) führen kann, also akuter Nikotinvergiftung. Bei Kindern tritt diese Krankheit besonders schnell ein, denn ihre Haut ist dünner und ihr Körpergewicht geringer als das von erwachsenen Menschen. Schätzungen sprechen von mindestens 1,3 Mio. Kindern, die weltweit auf solchen Plantagen schuften. Kinderarbeit auf Tabakplantagen ist eine übersehene Form der modernen Ausbeutung, über die in deutschen Medien praktisch nicht berichtet wird.
Top-Thema 08: Überschattung: Wenn psychisch Erkrankte nicht ausreichend körperlich untersucht werden
Menschen mit bereits festgestellten psychischen Erkrankungen werden nicht genügend körperlich untersucht. Ernstzunehmende Krankheiten werden zu spät oder gar nicht gesehen. Diese unterlassene Diagnostik wird in der Medizin „diagnostic overshadowing“ genannt – die psychische Erkrankung überschattet sozusagen eine mögliche körperliche Erkrankung. Die Folgen sind gravierend: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die nicht genügende Versorgung von Patienten dazu führt, dass diese Menschen mehr als andere an Leib und Leben bedroht sind. Über diese Fehldiagnosen und unterlassenen Diagnosen wird wenig berichtet. Es sind verpasste Chancen in der medizinischen Versorgung. Es sind Ärzte, die Leben gefährden durch Wegsehen und zu wenige notwendige Untersuchungen.
Top-Thema 09: Gefangen: Psychische Folgen der Untersuchungshaft
Menschen, die in Deutschland in Untersuchungshaft sitzen, befinden sich rechtlich in einer Ausnahmesituation, die emotional belastend sein kann: Über die physischen Folgen des abrupten Verlusts von Freiheit und sozialem Halt, ohne dass eine Verurteilung vorliegt, wird von Medien jedoch kaum berichtet. Neben Einzelschicksalen sollten auch strukturelle Ursachen der psychischen Belastung von Untersuchungshäftlingen stärker in der Berichterstattung thematisiert werden.
Top-Thema 10: Schiedsgerichte: Wie einflussreiche Konzerne die Souveränität von Staaten untergraben
Internationale Unternehmen nutzen private Schiedsgerichte, um Ihre eigenen Interessen durchzusetzen und machen damit Staaten handlungsunfähig. Private Schiedsgerichte existieren parallel zu staatlichen Instanzen und sollen im Rahmen von Handelsabkommen Investoren vor möglicher Willkür der staatlichen Justiz schützen. Entstanden ist aber eine private Paralleljustiz, die Staaten in die Defensive drängt. Lobbytransparenz-Organisationen warnen seit Jahren vor den Gefahren und dem Konfliktpotenzial solcher Investor-Staat-Schiedsverfahren (ISDS). Die Verfahren laufen meist geheim ab, ohne Öffentlichkeitsprinzip oder Mitspracherecht für weitere Betroffene, was Menschenrechtsorganisationen kritisieren. Die größte Gefahr liegt jedoch im „regulatory chill“-Effekt: Regierungen scheuen strenge Gesetze aus Angst vor teuren Klagen. Die mediale Berichterstattung über Schiedsgerichte behandelt dieses systemische Problem praktisch nie.