Überschattung: Wenn psychisch Erkrankte nicht ausreichend körperlich untersucht werden
Abstract:
Menschen mit bereits festgestellten psychischen Erkrankungen werden nicht genügend körperlich untersucht. Ernstzunehmende Krankheiten werden zu spät oder gar nicht gesehen. Diese unterlassene Diagnostik wird in der Medizin „diagnostic overshadowing“ genannt – die psychische Erkrankung überschattet sozusagen eine mögliche körperliche Erkrankung. Die Folgen sind gravierend: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die nicht genügende Versorgung von Patienten dazu führt, dass diese Menschen mehr als andere an Leib und Leben bedroht sind. Über diese Fehldiagnosen und unterlassenen Diagnosen wird wenig berichtet. Es sind verpasste Chancen in der medizinischen Versorgung. Es sind Ärzte, die Leben gefährden durch Wegsehen und zu wenige notwendige Untersuchungen.
Sachverhalt & Richtigkeit:
Viele Menschen mit bereits diagnostizierten psychischen Erkrankungen erhalten eine schlechtere somatische medizinische Versorgung als Menschen, bei denen so eine Diagnose nicht vorliegt. Dieses in der Medizin bekannte Phänomen wird als „diagnostic overshadowing“ bezeichnet. Dass Menschen mit bereits bekannten psychischen Erkrankungen nicht dieselbe medizinische Aufmerksamkeit erhalten, birgt die Gefahr, dass ernstzunehmende Krankheiten zu spät oder gar nicht gesehen werden und dass diese Menschen mit den Folgen dieser Ungleichbehandlung leben müssen. Wahrscheinlich ist, dass diese beeinträchtigte Patientenversorgung dazu beiträgt, dass bei Menschen mit psychischen Erkrankungen eine erhöhte Sterberate vorliegt.
Die medizinische Fachliteratur sieht dieses Phänomen als problematisch an. Es darf nicht an einer ausreichenden körperlichen Untersuchung und vor allem einer umfassenden Anamnese des Patienten fehlen, auch vor dem Hintergrund einer bestehenden und bekannten psychischen Erkrankung. Die Richtigkeit dieses Sachverhalts ist wissenschaftlich belegt. Eine medizinische Studie untersuchte die Situation in einer Notaufnahme im Vereinigten Königreich und fand heraus, dass körperliche Beschwerden von Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen zu häufig fehlerhaft der psychischen Diagnose zugeschrieben und eine unzureichende körperliche Untersuchung nicht gewährleistet wurde. Es zeigt, dass die Rahmenbedingungen in ärztlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Notaufnahmen für Menschen mit psychischen Erkrankungen gefährlich werden können und hier ein breiteres Problem im medizinischen Versorgungssystems vorliegt.
Relevanz:
Das Thema ist von hoher Bedeutung, da fehlerhafte oder verspätete Diagnosen nicht nur lebensbedrohlich für die Betroffenen sein können, sondern auch das Vertrauen in das medizinische Versorgungssystem in Frage stellen können. Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass die psychische Gesundheit eine zentrale Rolle für das persönliche Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und die soziale Teilhabe spielt. Einschränkungen der psychischen Gesundheit sind in der Gesellschaft weit verbreitet, sind unterschiedlich ausgeprägt und stehen in engem Zusammenhang mit der körperlichen Gesundheit.
Gerade weil psychische Erkrankungen in der Gesellschaft weit verbreitet sind, betrifft die Problematik einen großen Teil der Patientinnen und Patienten. Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, wenn körperliche Beschwerden vorerst psychisch erklärt werden und eine körperliche Untersuchung nicht ausreichend durchgeführt wird.
Vernachlässigung:
In der deutschen Medienlandschaft findet sich bislang keine Berichterstattung zu dem Thema, dass körperliche Erkrankungen zu schnell vorliegenden psychischen Erkrankungen zugeschrieben werden. Große reichweitstarke Medien wie Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Süddeutsche Zeitung berichten zwar über allgemeine psychische Erkrankungen, greifen jedoch das Problem des „diagnostic overshadowing“ nicht explizit auf. Auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien wie ARD und ZDF wird die psychische Gesundheit im Allgemeinen thematisiert. Lediglich vereinzelte Online-Beiträge, wie etwa „Es ist wohl psychosomatisch – wenn unterlassene Diagnostik zur Gefahr wird“ thematisieren das Thema. Allerdings sind solche Beiträge nur auf bestimmten Portalen zu finden und werden öffentlich nicht stark genug vertreten, was eine Vernachlässigung im öffentlichen Diskurs begründet.