Vergiftet: Mikroplastik in Ackerböden
Abstract:
Mikroplastik gelangt in Ackerböden über Klärschlamm, Kompost, unsachgemäße Entsorgung von Müll sowie Langzeitdünger. Diese Belastung der Böden beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion, den Wasserhaushalt und die Aktivität von Bodenorganismen und gefährdet langfristig auch die menschliche Nahrungskette. Trotz dieser Tragweite wird das Thema in der medialen Öffentlichkeit nur begrenzt behandelt, was auf den frühen Stand der Forschung und die unbefriedigende Datenlage zurückzuführen ist.
Sachverhalt & Richtigkeit:
Als Mikroplastik werden Partikel kleiner als 5mm bezeichnet. Es entsteht entweder direkt als industrielles Produkt oder durch den Zerfall größerer Plastikstücke, auch Makroplastik genannt. Zum Düngen wird in der Landwirtschaft häufig auf Klärschlamm, ein Nebenprodukt der Abwasserbehandlung in Kläranlagen, und Kompost zurückgegriffen. Neben für den Anbau von Nutzpflanzen hilfreichen Nährstoffen und Mikroorganismen sind im Klärschlamm ebenfalls Schwermetalle und andere Verunreinigungen zu finden, die über Abwasser und Abrieb in die Kanalisation gelangen. Im Kompost befinden sich ebenfalls häufig Plastikverunreinigungen, da nicht hinreichend auf die korrekte Entsorgung von Abfall geachtet wird. Laut Fraunhofer Institut gelangen über diese Wege ca. 9.620 Tonnen Mikroplastik pro Jahr in unsere Böden. Somit sind mit 51 Prozent Klärschlamm und Kompost die Hauptursachen für Mikroplastik in Ackerböden. Einen ebenfalls starken Einfluss auf den Plastikgehalt im Ackerboden hat das sogenannte Littering. Hierbei handelt es sich um die unsachgemäße Entsorgung von Plastikabfall in der Natur. Dieses macht schätzungsweise 30 Prozent des Mikroplastikgehalts in Ackerböden aus. Ein weiterer Eintragszweig sind umhüllte Langzeitdünger, die mit einer künstlichen Polymerschicht umhüllt sind. Der Abbau dieser Schicht geht sehr langsam von statten. Es wird vermutet, dass dies 13 Prozent des Gesamteintrags von Mikroplastik ausmacht. Die restlichen 6 Prozent setzen sich aus verschiedenen Quellen zusammen, darunter Materialien für die Futterkonservierung, Materialien für den Pflanzenanbau, Pflanzhilfen; Pflanzbehälter, umhülltes Saatgut und Pflanzenschutzmittel. Aufgrund bisheriger nicht hinreichender Forschung können keine endgültigen Aussagen über die Belastung von Mikroplastik in Böden getroffen werden, dennoch wird mit einem Plastikgehalt im Boden von 4- bis 32-facher Größe als in den Meeren gerechnet. Expert*innen vermuten, dass eine hohe Belastung von Mikroplastik in Ackerböden schwerwiegende Folgen für die Umwelt und die Gesundheit aller Lebewesen hat. So besteht die Annahme, dass Partikel& Schadstoffe in die Nahrungskette gelangen und die
Bodeneigenschaften langfristig verändern. Die Forschung liefert erste Hinweise darauf, dass die Form der Mikroplastikpartikel einen Unterschied in der Beeinflussung der Bodenqualität macht. So scheinen ins besonders Fasern negative Auswirkungen auf Bodenprozesse wie die Bodenaggregation zu haben. Pellets und kleine Folienstücke wirken sich zwar ebenfalls negativ aus, hier waren die gemessenen Effekte bisher allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. Warum welche Form von Mikroplastik stärkere oder schwächere Auswirkungen hat, ist bisher nicht erkenntlich. Eine Vermutung ist jedoch, dass die Form der Partikel, beziehungsweise Mikroplastik generell die Bildung von Wurzeln und Pilzhyphen stört und somit die Bodenstabilität und Bodendichte schwächt. Das schadet dem Wasserhaushalt und dem Gasaustausch im Boden, ebenso kann die Aktivität von Bodenbakterien und Regenwürmern geschwächt werden. Auch wird davon ausgegangen, dass aus landwirtschaftlich genutzten Böden beträchtliche Mengen an Mikroplastik freigesetzt- und in die restliche Umwelt getragen werden. Dies ist abhängig von Wetterbedingungen und hydraulischen Bodeneigenschaften. So kann beispielsweise durch Oberflächenabfluss und Erosion Mikroplastik in naheliegende Gewässer verfrachtet werden. Auch kann Mikroplastik über weite Strecken aus der Luft abgelagert- und durch die Atmosphäre in entlegene Gegenden wie die Arktis befördert werden. Somit wird deutlich, dass man die Mikroplastik Verschmutzung in den Böden nicht isoliert betrachten darf, sondern als einen Teil eines Kreislaufs der allgemeinen Umweltverschmutzung. Ein weiteres relevantes Thema in der Bodenkunde ist Nanoplastik, jedoch gibt es in diesem Themengebiet ebenfalls große Forschungslücken. Dieses entsteht vermutlich durch den weiteren Zerfall von Mikroplastik, ist jedoch bisher nicht messbar. Expert*innen befürchten hier allerdings ein höheres toxikologisches Potenzial als bei Mikroplastik, da es feinere Membranen durchdringen- und somit leichter in Organismen aufgenommen werden könnte.
Relevanz:
Die Verschmutzung der Umwelt durch Plastik ist längst kein rein ästhetisches Problem mehr, sondern hat die Basis unserer Lebensgrundlage erreicht, den Ackerboden. Während auf politischer Ebene mit Maßnahmen wie dem EU-weiten Verbot von Plastikstrohalmen und Einweggeschirr erste Schritte zur Minderung von Plastik in der Umwelt unternommen wurden, findet die Mikroplastikbelastung von Ackerböden jedoch bislang vergleichsweise wenig Beachtung, obwohl sie gesellschaftlich und ökologisch relevant ist. Gesunde Böden sind eine grundlegende Voraussetzung für die landwirtschaftliche Produktion und die menschliche Nahrungskette. Von den weltweit jährlich produzierten über 400 Millionen Tonnen Plastik gelangt etwa ein Drittel in Böden und Binnengewässer. Die Mikroplastikbelastung schädigt nachhaltig die Bodentemperatur, Bodendichte und die Bodenstruktur landwirtschaftlicher Flächen. In der Folge werden Wasserhaushalt und Gasaustausch im Boden, als auch die Aktivität von Bodenorganismen beeinträchtigt, was sich negativ auf die Bodenfruchtbarkeit auswirken kann. Diese Belastung der Ackerböden betrifft besonders den Ökolandbau, da dieser auf ein funktionierendes Ökosystem für den Anbau angewiesen ist. Hier entsteht ein Paradoxon. Während die Gesellschaft immer mehr nachhaltige und schadstofffreie Lebensmittel fordert, erschwert eine zunehmende Mikroplastikbelastung die Anbaubedingungen. Dies kann dazu führen, dass auch ökologische Betriebe verstärkt auf plastikhaltige Hilfsmittel wie Folien, Vliese und Langzeitdünger zurückgreifen müssen. Darüber hinaus ist zwar noch unklar, wie lange Mikroplastik in der Umwelt verbleibt und ob dieses weiter zu Nanoplastik zerfällt, es wird jedoch davon ausgegangen, dass der Zerfall von Mikro- zu Nanoplastik besonders kritisch für die menschliche Nahrungskette ist. Diesem wird ein höheres gesundheitliches Risiko zugeschrieben, da es vermutlich biologische Barrieren leichter überwinden- und somit über Pflanzen oder den Verdauungstrakt aufgenommen werden kann. Vor dem Hintergrund der täglichen Ernährung wird deutlich, dass die Belastung landwirtschaftlicher Böden mit Mikroplastik nicht nur ein Umweltproblem darstellt, sondern eine relevante Fragestellung für Landwirtschaft, Verbraucherschutz und zukünftige Ernährungssicherheit ist.
Vernachlässigung:
Mikroplastik in Ackerböden wird bislang in der öffentlichen Berichterstattung nur begrenzt thematisiert, in Fachmedien wie „agrarheute“ oder beim Naturschutzbund Deutschland e.V. ist das Thema zwar präsenter, erreicht jedoch vor allem ein kleines Publikum. In den klassischen Massenmedien finden sich nur zwei Beiträge, etwa ein Bericht des SWR im April 2025 und ein Bericht der Tagesschau im Jahr 2022. Dies steht im deutlichen Kontrast zur starken medialen Aufmerksamkeit für Mikroplastik in den Ozeanen, zu dem allein auf tageschau.de im vergangenen Jahr neun Beiträge zu finden sind, basierend auf einer eigenen Recherche mit Google.de, obwohl die Belastung von Böden mit Mikroplastik deutlich höher ist und eng mit der Belastung der Ozeane zusammenhängt.
Ein zentraler Grund für diese Vernachlässigung ist der frühe Stand der Forschung. Es fehlen einheitliche Analysemethoden und belastbare Vergleichsdaten, weshalb die Belastung durch die Landwirtschaft kaum quantifizierbar ist. Diese Kombination aus methodischen Unsicherheiten und begrenzter Datenlage trägt wesentlich dazu bei, dass das Thema trotz seiner Tragweite bislang vernachlässigt wird.