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Facharztausbildung für Infektiologie fehlt in Deutschland

Der neue Coronavirus hat es noch einmal verdeutlicht: Die Infektiologie spielt in Zeiten der Globalisierung und der Fernreisen eine immer größere Rolle. Doch in Deutschland gibt es keine entsprechende Facharztausbildung. Es gibt lediglich eine einjährige Zusatzausbildung. Das ist nach Meinung vieler Ärzte zu wenig. In anderen europäischen und außereuropäischen Ländern gibt es eine Facharztausbildung für Infektiologen.

 

Sachverhalt & Richtigkeit:

Das medizinische Fachgebiet „Infektiologie“ gehört zu den kompliziertesten Fachgebieten der Medizin, wie im Deutschen Ärzteblatt zu lesen ist. Trotzdem gibt es in Deutschland keine Facharztausbildung in diesem Bereich.Es wird zusätzlich eine Zusatzausbildung angeboten und die ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Reicht das aus? Nach Meinung vieler Fachleute definitiv nicht.

Dr. Klaus Hermann (Name geändert) ist als Infektiologe tätig und kritisiert, dass es in Deutschland keinen Facharzt für Infektiologie gebe. Auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e.V. (DGI) und Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Köln Professor Dr. med. Gerd Fätkenheuer kritisiert dies in einer Pressemitteilung. Er forderte daher gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) eine bessere infektiologische Versorgung und eine umfassende, mehrjährige Facharztausbildung in Infektiologie. Laut Fätkenheuer gebe es aktuell nur eine einjährige Zusatzweiterbildung, die der Komplexität des Fachs nicht gerecht werden werde. Bakterien wie das „Staphylococcus aureus“ und andere Erreger können schwere Infektionen auslösen. In Deutschland würden von 30.000 Erkrankten pro Jahr 25% an einer Blutinfektion verursacht vom „Staphylococcus aureus“ sterben. Die Kliniken würden zudem den Fokus auf antibiotikaresistente Erreger legen, obwohl an den nicht-resistenten Varianten immer noch tausende Patienten im Jahr sterben würden. Durch Präventionsmaßnahmen, ein optimales Hygienemanagement und Infektionsspezialisten könne die Sterblichkeit um 40-50% abgesenkt werden. Das Problem sei jedoch, dass es in den meisten Kliniken für diese Spezialisten keine Stellen gebe und besonders an kleinen Krankenhäusern würden oft keine Dienste für Untersuchungen zur Verfügung stehen. Im Gegensatz dazu nimmt man die Gefahr offenbar. Laut Fätkenheuer gebe es in fast allen europäischen Ländern und den USA bereits einen Facharzt für Infektiologie.

 

In der Schweiz zum Beispiel dauert die Facharztausbildung zum Infektiologen insgesamt sechs Jahre. Sie gliedert sich in drei Jahre Allgemeine Innere Medizin oder Kinder-und Jugendmedizin und drei Jahre fachspezifische Weiterbildung in Infektiologie. In Schweden können die Ärzte nach einer Basisausbildung in Innerer Medizin von zwei Jahren eine fünfjährige Zusatzweiterbildung in Infektiologie absolvieren. Jedes Krankenhaus verfügt außerdem über ein Infektionskontrollsystem, das von einem Facharzt für klinische Mikrobiologie oder einem Infektiologen geleitet wird. Außerdem gibt es Schwestern für Infektionskontrolle.

 

Dr. med. Matthias Grade ist Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Infektiologie und Tropenmedizin am christlichen Krankenhaus Quakenbrück. Als Grund dafür, wieso es hierzulande noch keinen Facharzt gibt, sagt er, dass die anderen Fachgesellschaften, wie die der Pneumologie (Lungenheilkunde) oder Gastroenterologie etwas dagegen hätten. „Das hat viel mit Lobbyismus zu tun und die meisten denken, dass sie die Infektionen schon selbst behandeln könnten. Allerdings fehlt vielen an grundlegendem Fachwissen. Ich gebe selbst Vorlesungen in Wahlpflichtkursen an der Universität und da merke ich immer wieder, dass die Infektiologie nur sehr stiefmütterlich im Curriculum des Medizinstudiums vorkommt.“ In seinen Augen sei eine mehrjährige, umfassende Facharztausbildung aber trotzdem unbedingt notwendig.

Ob Deutschland tatsächlich auf eine mögliche Epidemie vorbereitet ist, so wie es Gesundheitsminister Jens Spahn bezüglich des Corona-Virus äußerte, könne er nicht klar beantworten.

Auch Dr. Thomas Ly, Infektiologe, berichtet im Interview, dass er seit 2015 im Rahmen der großen Zahl von Flüchtenden vermehrt Anfragen von Ärzten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalte, die ihm Fragen zu hier eher unbekannten Infektionskrankheiten stellen. Seine Bitte um Unterstützung bei einer Fortbildungsveranstaltung hätten die Landesärztekammern und die Niedersächsische Landesregierung Anfang 2016 abgelehnt. Ihrer Auffassung nach bestehe keine Notwenigkeit
Die Experten der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e.V. (DGI), der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und die Mediziner Grade, Ly und Hermann halten regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen aber vor allem die Einführung eines Facharztes für Infektiologie für sinnvoll und notwendig, um der bestehenden Unwissenheit bezüglich Infektionskrankheiten entgegenzuwirken und die Versorgungssituation für Infektionspatienten langfristig zu verbessern.

 

Relevanz:

Durch eine immer dichtere Besiedlung in den Städten, globalisierte Arbeitsplätze und dementsprechende Reisetätigkeiten, Fernreisen und Migration spielen Infektionskrankheiten (auch bereits bekämpft geglaubte wie Tuberkulose) eine immer größere Rolle in Deutschland. Das macht das Fachgebiet der Infektiologie sowohl komplizierter als auch virulenter. Die Versorgung von Infektionspatienten sowie der Umgang mit Hygienemaßnahmen und Vorbeugung ist offenbar noch unzureichend und sollte unbedingt verbessert werden.

 

Vernachlässigung:

Bisher wurde in der Neuen Osnabrücker Zeitung (15.01.2016) und der ÄrzteZeitung (20.01.2016) darüber berichtet, dass ein Fortbildungsbedarf bei Ärzten besteht, die Landesregierung Niedersachens aber die Bitte Lys um eine Fortbildungsveranstaltung abgelehnt hat. Dass es immer mehr Tuberkulosefälle in Deutschland gibt berichteten zahlreiche Medien. In den letzten Jahren gab es Berichte im Deutschen Ärzteblatt (Infektionen: Mehr Tuberkulose-Fälle in Deutschland, 24.03.2016), der Westfälischen Rundschau („Mehr Tuberkulosefälle in Deutschland, 24.03.2017), der Berliner Zeitung („Die vergessene Seuche kehrt zurück“, 24.03.2017), dem Express („Jeder Dritte infiziert“, 01.08.2017) und dem Spiegel („Tuberkulose-Fälle an zwei Schulen – mehr als hundert Infizierte“, 01.08.2019). Darüber, dass die Mediziner einen Facharzt für Infektiologie fordern, hat bisher nur das Deutsche Ärzteblatt berichtet („Internisten fordern ‚Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie‘“, 20. Dezember 2017). Über die kritisierten CRM Fachbücher und auch die Diskussion, ob das Röntgen bei Tuberkulose sinnvoll ist, wurde bisher noch nicht berichtet.

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Quellen:

Email-Verkehr mit Dr. Thomas Ly, Mediziner, Infektologe;

Email-Verkehr und Telefonat mit Informant (alias Dr. Hermann), Mediziner, Infektologe, 28.01.2020;

Telefonat mit Dr. med. Matthias Grade, Internist, Infektiologe, 05.02.2020;

Email-Verkehr mit Deutschem Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK);

Email-Verkehr mit Gesundheitsamt Duisburg;

Email-Verkehr mit Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin e.V.;

Onlinerecherchen auf www.crm.de, www.travelmedicus.com, https://www.orpha.net, www.rki.de, www.dzk-tuberkulose.de, lungeninformationsdienst.de, www.ukbonn.de

https://www.aerzteblatt.de/archiv/206782/Public-Health-Infektiologische-Expertise-noetig

 

Kommentare:

 

„Ich gebe selbst Vorlesungen in Wahlpflichtkursen an der Universität und da merke ich immer wieder, dass die Infektiologie nur sehr stiefmütterlich im Curriculum des Medizinstudiums vorkommt. Und dadurch dass sie keinen Facharzt in Infektiologie machen können, fehlt dann natürlich viel Wissen.“

(Dr. med. Matthias Grade, Internist)

 

„Auch im Duisburger Gesundheitsamt macht sich insbesondere im Bereich der Hygiene und für Ärzte der zunehmende Fachkräftemangel bemerkbar, derzeit können aber die Aufgaben im Bereich des Infektionsschutzes geleistet werden.“

(Gabi Priem, Pressesprecherin Gesundheitsamt Duisburg)