Lügen für die Wahrheit – investigative Journalisten berichten

Keine andere Form des Journalismus fordert gleichzeitig so viel Fingerspitzengefühl und Kompromisslosigkeit wie die verdeckte Recherche. Doch dieses anspruchsvolle journalistische Werkzeug wird zunehmend von der eigenen Branche stumpf gemacht. Grund genug, einige namenhafte Journalisten zu Strukturen, Stellenwert und schwarzen Schafen der verdeckten Recherche zu befragen…


David Schraven

Der Journalist deckte durch seine hartnäckigen Recherchen den Skandal um PFT in der Ruhr auf. Für seine Berichterstattung erhielt er 2008 den Wächterpreis.

“Die Undercover-Recherche birgt für den investigativen Journalismus ein
großes, längst nicht ausgeschöpftes Potenzial. Oft können dubiose 
Machenschaften nur aufgedeckt werden, wenn Reporter bereit sind, in
 Rollen zu schlüpfen – etwa als Pharmareferent, Organhändler oder
 Spargelstecher. Allerdings gilt es Augenmaß zu wahren. Verdeckte
 Recherche heißt immer auch Vertrauensbruch. Nicht umsonst hält
 der Presserat verdeckte Recherchen nur für zulässig, wenn ein
 überwiegendes öffentliches Interesse an den Informationen besteht und
 diese Wahrheiten nicht auf andere Weise beschafft werden können.

Nicht
 jeder Dreh mit versteckter Kamera ist ok, nur weil man einen Pizzabäcker
 bloßstellen will. Oft besteht auch die Gefahr, dass der
Undercover-Einsatz nur als ein bequemer Weg missverstanden wird, mit 
einer schnellen Lüge ans Ziel zu kommen. Nutzen und Schaden müssen
 gegeneinander abgewogen werden. Effekthascherei gilt es zu vermeiden.”

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Klaus Werner-Lobo

Bekannt wurde der freie Autor durch das “Schwarzbuch der Markenfirmen”, in dem er internationale Konzerne mit Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in Entwicklungsländern in Verbindung gebracht hatte.

“Verdeckte Recherche deckt auf, was Mächtige zudecken um Machtmissbrauch zu decken. Sie daran zu hindern, ist eine der edelsten Aufgaben von Journalismus.”

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Volker Lilienthal

Für Schlagzeilen sorgte der Journalist, als er 2005 Fälle von Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufdeckte. Seit 2009 ist er an der Universität Hamburg Professor für “Praxis des Qualitätsjournalismus”.

“Verdeckte Recherche führt den Journalisten noch immer in eine Grauzone zwischen Verboten und Erlaubt, zwischen zu großem Risiko und radikalem Wissenwollen. Im Erfolgsfalle dekuvriert verdeckte Recherche verborgene Missstände, macht sie zum öffentlichen Skandal und kann so zu ihrer Behebung beitragen. Immer ist diese besondere Spielart des Journalismus ein Abenteuer.

Sie hat mit Leidenschaft zu tun, mit Engagement, was uns Journalisten aber nicht dazu verleiten sollte, die Risiken – für uns selbst und für andere, unsere Informanten beispielsweise – nicht mehr abzuwägen. Auf diesem Risikofeld können wir nicht vorher zu einem Richter laufen und fragen: Würdest du mir diese verdeckte Recherche im Streitfalle wegen höherer Interessen als gerechtfertigt freigeben? Nicht jedes Thema rechtfertigt verdeckte Recherche, Bedeutsamkeit ist eine Mindestvoraussetzung für den Einsatz dieser avancierten Technik.”

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Links:

Broschüre von Netzwerk Recherche „Undercover – Reporter im verdeckten Einsatz“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*