Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2019

(Foto: A. Romanovskis/Unspleash)
(Foto: A. Romanovskis/Unspleash)

Köln, 27.02.2019: Nicht alle wichtigen Themen werden von den Medien beleuchtet, obwohl sie gesellschaftlich relevant sind. Die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2019 hat die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. im Rahmen ihrer Jahrespressekonferenz im Deutschlandfunk in Köln vorgestellt.
Den ersten Platz im Ranking der vergessenen Nachrichten belegt das Thema „JEFTA: Japan-EU Free Trade Agreement“. Die Öffentlichkeit hat davon nahezu nichts mitbekommen – obwohl sich hier zwei der größten und potentesten Wirtschaftsräume der Welt zu einer gigantischen Freihandelszone vereinen. Die EU machte ihre Textvorschläge für das JEFTA-Abkommen erst öffentlich, als das Abkommen weitgehend ausgehandelt war und einzelne Dokumente bereits durch Leaks bekannt waren. JEFTA ist ein sogenanntes „EU only“-Abkommen. Anders als zum Beispiel beim EU-Kanada-Abkommen (CETA) müssen die nationalen Parlamente der EU-Mitgliedsstaaten nicht zustimmen.
Auf Platz 2 steht das Flugdatengesetz von 2018. Mit dem Fluggastdatengesetz hat Deutschland 2018 eine EU-Richtlinie mit weitreichenden Folgen umgesetzt: Bei jedem Flug werden 20 persönliche Informationen an staatliche Behörden übermittelt, fünf Jahre lang gespeichert und gegebenenfalls auch weitergegeben. Über die Speicherung solcher Daten bei Flügen in die USA wurde vor einigen Jahren noch sehr kontrovers diskutiert, wohingegen es über die neue innereuropäische Regelung nur sehr wenig Berichterstattung gab– obwohl sie die meisten EU-Bürger deutlich stärker betrifft.
Auf Platz 3 steht Venezuela und die Frage, ob die Anerkennung des Interimspräsidenten Guaido mit dem Völkerrecht vereinbar war. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat die Anerkennung des Oppositionspolitikers Guaidó als Interimspräsident durch die Bundesregierung und weitere westliche Staaten in Frage gestellt. Es gebe „starke Gründe“ für die Annahme, dass es sich bei der Anerkennung Guaidós um eine „Einmischung in innere Angelegenheiten“ handelt, heißt es in einer zehnseitigen Ausarbeitung der Bundestagsjuristen., das 2018 von beschlossen wurde.
Weitere Themen sind: Arzneimittelrückstände im Trinkwasser, fragwürdige finanzielle Steuerentlastungspraktiken durch Stiftungen, Cybercrimes und Genitalbeschneidungen. Die komplette Liste jener vergessenen Nachrichten, die bislang nicht oder nur ungenügend ihren Weg in die deutschen Medien gefunden haben, findet sich auf der Website der Initiative Nachrichtenaufklärung (www.nachrichtenaufklaerung.de).

„Journalistisches Systemversagen“

„Es ist unglaublich, dass so wichtige Themen wie das JEFTA eine so geringe Resonanz in den Medien gefunden haben. Wenn man bedenkt, dass es ein Freihandelsabkommen zwischen zwei der größten Wirtschaftsräume der Welt ist, kann man hier schon von journalistischem Systemversagen sprechen“, sagt INA-Geschäftsführer Dr. Hektor Haarkötter, der auch Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist.

Am 14. Juni 2019 veranstaltet die INA gemeinsam mit der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks, der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) und der Hochschule Bonn-Rhein-Seig das 5. Kölner Forum für Journalismuskritik und verleiht auch zum fünften Mal den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik. Wallraff ist Ehrenmitglied der INA.
Die INA ist eine Nicht-Regierungsorganisation, die von den Medien vernachlässigte Themen und Geschichten in die Öffentlichkeit bringen möchte. „Wir bitten alle, die sich über ein medial vernachlässigtes Thema Gedanken machen, die Initiative zu ergreifen und es uns über unsere Website als Themenvorschlag zuzusenden. Dieses Engagement ist wichtig für unsere Arbeit“, appelliert Marlene Nunnendorf, Sprecherin der INA.
Alle und jeder haben die Möglichkeit, bei der INA Themenvorschläge einzureichen (unter http://www.derblindefleck.de/thema-einreichen/). Diese Themenvorschläge werden dann von studentischen Rechercheteams an verschiedenen Hochschulen im ganzen Bundesgebiet recherchiert. Eine Jury aus Journalisten und Wissenschaftlern stimmt einmal jährlich über diese Themenvorschläge ab und kürt die Top Ten der vergessenen Nachrichten. Vorbild für die INA ist die amerikanische Partnerorganisation Project Censored.

Link:

Die komplette Liste der Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2019 inklusive der ausführlichen Berichte und Rechercheergebnisse findet sich hier:

Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2019

Weitere Informationen:

Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V.
info@nachrichtenaufklaerung.de
Pressekontakt: Marlene Nunnendorf, +4915209040018

7 Kommentare zu Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2019

  1. Berlin Mitte hat 379.610 Einwohner (30. Jun. 2018) und wichtige Multiplikatoren sind dort zu finden, die den Mix von hyperlokalen, kommunalen und weltbewegenden Themen schätzen. Deren subsidiäre Aufmerksamkeit wird schon erreicht. Die anderen von mir entwickelten neun Berlier Bezirkszeitungen haben das Thema auch aufgegriffen, die effektive Lesereichweite ist sehr groß und wächst noch immer. Es war eine „Content-Investition: der „Opener-Beitrag“ hat immerhin geholfen, verschiedene deutsch-japanische Kanäle zu öffnen, und journalistische Übersetzer-Tätigkeiten anzuregen. Die neue Hauptstadtzeitung, die am 1.5. startet, kann deshalb auch deutsch-japanische Themen aufnehmen, und hoffentlich bald auch im Newsroom trilingual übersetzen.
    Immerhin: meine Plattform-first Strategie zahlt sich schon aus: Journalistische Arbeit entsteht, während noch am digitalen Rohbau herumgeschraubt wird.
    Und nach der Relotius-Affäre habe ich mir endlich ein Handbuch für Journalismus für 14,99 € leisten können, um zu schauen, was man so alles richtig machen kann!

  2. Gute Initiative. Leider gerade 10 min lang nach den Details der Top Ten 2019 gesucht, ohne Erfolg. Das muss noch besser werden, sonst ist das Interesse schnell wieder weg

    • Lieber Herr Nym, danke für Ihren Kommentar. Sie müssen nur in die farbig hinterlegten Überschriften klicken, schon erhalten Sie die ausführlichen Berichte. Mit freundlichen Grüßen, Ihre INA

  3. Vor einigen Jahren haben Sie auch das eine oder andere Thema erwähnt, das es nicht in die TOP 10 geschafft hat, aber trotzdem interessant war.
    Vielleicht könnten Sie dies dieses Jahr auch wieder machen.

    • Lieber Herr Möller, danke für Ihren Hinweis. Auch in diesem Jahr wollen wir in Kooperation mit dem Magazin „Journalist“ die Top Ten und weiterführende Rechercheergebnisse publizieren. So kurz nach unserer Pressekonferenz wollen wir aber natürlich erst einmal die Top Ten-Themen in den Fokus rücken. Mit freundlichen Grüßen, Ihre INA

    • Lieber Herr Springer, das behaupten wir ja auch gar nicht. Wir bemerken ja in unserem ausführlichen Bericht ja explizit, dass die Medien über das „Dass“, aber viel zu wenig über das „Was“ berichtet haben. Im übrigen: „berlin-mitte-zeitung“ als Quelle ist vermutlich eher kein Medium, das die Mehrheit der Bevölkerung angeht. Und eine Berichterstattung, die erst am Tag des Inkrafttretens einer Vereinbarung beginnt, fördert ja nicht gerade den gesellschaftlichen Diskurs über diese Vereinbarung. Nichts für ungut, Ihre INA

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