2. Kölner Forum für Journalismuskritik

Foto: Deutschlandradio/Jessica Sturmberg
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Am 10. Juni 2016 fand das 2. Kölner Forum für Journalismuskritik statt. In vier Podiumsdiskussionen kamen Journalisten und Wissenschaftler zusammen und sprachen über das Verhältnis von Prominenten und Medien, über die Chancen von Journalisten mit Migrationshintergrund, über das Schlagwort „Lügenpresse“ und über die Medienkritik im Netz. 

Es waren selbstkritische Worte, die Deutschlandradio-Intendant Willi Steul den Diskussionsteilnehmern beim 2. Kölner Forum für Journalismuskritik mit auf den Weg gegeben hatte:

„Guter Journalismus entsteht immer auch in Widerspruch zu gängigen Meinungen. Wir sollen möglichst objektiv die gesellschaftliche und politische Realität abbilden. Aber: Oft sind wir – zu oft – gefangen im eigenen Weltbild und sogar in unseren Vorurteilen.“

In der ersten Runde diskutierten Journalistin Susanne Gaschke, Christian Solmecke, Anwalt für Medienrecht und der Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger über die Beziehung zwischen Prominenten und den Medien. Moderiert wurde das Podium von Dr. Silvia Engels vom Deutschlandfunk.

Foto: Deutschlandradio/Jessica Sturmberg
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„Raus aus dem Mainstream“ war die Forderung der Journalistin und Ex-Kieler-Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke. Ihr war ein Nachlass für einen Steuersünder zum Verhängnis geworden. Und sie fand sich am medialen Pranger wieder. Gaschke findet, dass auch bei vielen politischen Themen Redaktionen eine Einheitsberichterstattung ohne Zwischentöne bieten. Eine Tendenz, die auch der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger feststellt. Unter Journalisten gebe es zudem einen Konsens mit den Eliten – Krüger sieht darin auch einen Grund für das zunehmende Misstrauen der Menschen. Das hänge aber eng mit der Politik zusammen: „Wenn gegen die Interessen von großen Teilen der Bevölkerung Politik gemacht wird und Medien diese Politik erklären, dann ernten sie genau dasselbe Unverständnis, wie die Politik erntet.“

Buntes Deutschland

Eine weitere Gesprächsrunde unter dem Titel „Buntes Deutschland – blasse Medien?“ drehte sich um kulturelle Diversität in den Redaktionen und der Berichterstattung. Katja Artsiomenka von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, die Journalistin Nilofar Elhami, Agnese Franceschini, Journalistin im Funkhaus Europa, sowie die Vorsitzende der „Neuen deutschen Medienmacher“ Sheila Mysorekar diskutierten über die Chancen und Wahrnehmungen von Journalisten mit Migrationshintergrund. Brigitte Baetz vom Deutschlandfunk moderierte die Runde.

Foto: Deutschlandradio / Jessica Sturmberg
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Sheila Mysorekar, Vorsitzende der „Neuen deutschen Medienmacher“ beklagte, Menschen mit Migrationshintergrund kämen im Journalismus zu kurz. Und oft würden sie reduziert auf die Rolle eines Experten für Migrationsthemen. Mehr Diversität hätte für Mysorekar nur Vorteile: „Es geht um die deutsche Gesellschaft, da haben alle was von, da haben nicht nur wir was von. Sondern es geht um gesellschaftlichen Frieden, es geht darum, dass man ein Land so widerspiegelt, wie es ist, und nicht nur so, wie man es gerne hätte oder wie die AfD es gerne hätte.“
Katia Artsiomenka von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft berichtet von Vorurteilen, mit denen sie zu kämpfen hat. „Ich muss erklären, warum ich meinen Beruf ausüben darf. Ja, ich mache grammatikalische Fehler. Ich habe den Eindruck, dass ich aber auch immer eine Legitimation für Inhalte vorlegen muss.“

Schlagwort „Lügenpresse“

Um den Vertrauensverlust der Medien ging es auch in der Diskussion über die Anatomie des Schlagwortes „Lügenpresse“. In der dritten Runde diskutierten Prof. Dr. Kim Otto von der Universität Würzburg, der DJV-Vorsitzende Prof. Dr. Frank Überall sowie die Chefredakteurin vom Deutschlandfunk, Birgit Wentzien.

Deutschlandradio/Jessica Sturmberg
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Journalisten müssten ihr Tun immer wieder neu hinterfragen, betonte DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien beim 2. Kölner Forum für Journalismuskritik Köln. Doch Medienkritik rechtfertige nicht den Vorwurf der Lügenpresse, da sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. Manche Gruppen suchten gezielt die Konfrontation und wollten gar keinen Dialog, berichtete Kathrin Freisberg vom SWR.

 

Medienkritik im Netz

Die vierte und letzte Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Medienkritik im Netz und mit dem Netz. Über Erfahrungen berichteten Silke Burmester, „Kriegsreporterin“ bei der taz, Holger Kreymeier von fernsehkritik.tv, Maren Müller, Initiatorin der Ständigen Publikumskonferenz, sowie Bettina Schmieding, CvD im Deutschlandfunk.

Der Journalismus muss derzeit viel Kritik einstecken – auch und vor allem im Netz. Welche Vorwürfe treffen ihn zu Recht? Und wie sollten Redaktionen damit umgehen?

 

Foto: Deutschlandradio/Jessica Sturmberg
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Maren Müller war durch die regelmäßige Einreichung von offiziellen Programmbeschwerden bei öffentlich-rechtlichen Sendern und durch ihre Online-Petition gegen Markus Lanz bekannt geworden. „Die Programmbeschwerde ist ein legitimer Weg,“ so Müller. Es gehe ihr dabei nicht ums „Gewinnen gegen die Gremien“ – sondern um Fehler, die gemacht würden. DLF-Redakteurin Bettina Schmieding begrüßt die Kritik grundsätzlich: „Man muss sich mit dem Publikum auseinandersetzen. Jeder, der uns kritisiert, muss erstmal ernst genommen werden.“ Sie kritisiert allerdings, dass von der Ständigen Publikumskonferenz auch Beschwerden veröffentlicht würden, die Journalisten krude Dinge unterstellen würden; so sei einem DLF-Korrespondenten vorgeworfen worden, mit seiner Berichterstattung einen Angriffskrieg zu fördern. Die Journalistin Silke Burmester, die bei der Berliner Tageszeitung „taz“ eine Medienkolumne schreibt, verteidigte die Medienkritik aus dem Netz: „Wir kritisieren ja nicht, weil wir die Medien hassen – wir kritisieren aus Liebe!“

Günter-Wallraff-Preis

Foto: Deutschlandradio/Jessica Sturmberg
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Schlusspunkt der Veranstaltung war die Ehrung der türkischen Organisation „Haber Nöbeti“, was so viel wie News Watch bedeutet. Die Gruppe setzt sich für Berichte aus der medial vernachlässigten Krisenregion Osttürkei ein. Die Initiative Nachrichtenaufklärung zeichnete „Haber Nöbeti“ dafür mit dem Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik 2016 aus. Ein undotierter Sonderpreis ging an den Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger. Er untersucht Verflechtungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten.

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